Cover Bret Easton Ellis: American Psycho. Foto: Kiepenheuer und Witsch
Thriller

Bret Easton Ellis: American Psycho

Als vor Kurzem „American Psycho“ mit dem großartigen Christian Bale im Fernsehen lief, juckte es mir in den Fingern, eine Rezension zur Vorlage von Bret Easton Ellis zu schreiben. Denn selten hat mich ein Roman so fasziniert, abgestoßen und beschäftigt wie dieses Skandalbuch, das mehrere Jahre auf dem deutschen Index stand.

Reich, gelangweilt, mörderisch

Patrick Bateman ist Ende 20, verdient als Investmentbanker richtig viel Geld und kann sich auch sonst nicht über sein Leben beklagen. Er sieht gut aus (und tut auch richtig viel, damit das so bleibt), isst in den angesagtesten Restaurants der Stadt und schöne Frauen umschwirren ihn wie Motten das Licht. Dass er eine Beziehung mit Evelyn hat, hält ihn nicht davon ab, sich in Affären zu stürzen, Pornografie zu konsumieren und mit Prostituierten zu schlafen.

Aber nicht nur Sex gehört für Bateman zu den wichtigsten Dingen des Lebens. Denn wenn er nicht gerade mit Kollegen oder Geschäftspartnern über Visitenkarten, Designer-Kleidung und teure Clubs – manchmal auch die Arbeit – debattiert, dreht sich vieles in Batemans Leben um Gewalt.

Batemans Drang, anderen Menschen Gewalt anzutun und zu töten, wächst unaufhaltsam. Wo er seine Obsession zunächst an wehrlosen Obdachlosen auslebt, geht er bald schon weiter. Aus dem arroganten, selbstverliebten Snob wird ein blutrünstiges Monstrum …

Von todlangweilig bis grausam und ekelhaft

Es ist Jahre her, dass ich „American Psycho“ gelesen habe. Trotzdem ist mir der Roman noch ziemlich gut in Erinnerung geblieben – vielleicht mehr, als mir lieb ist. Normalerweise breche ich Bücher nicht ab, aber hier war ich mehrmals kurz davor gewesen.

Und nach dem Lesen habe ich zumindest verstanden, warum das Buch auf dem Index landete. Normalerweise finde ich diese Form der Bevormundung blöd. Aber wenn’s denn sein muss – packt eine FSK-Zahl drauf und fertig. Warum das in Sonderfällen nicht auch bei Büchern machen? Aber ich schweife ab.

Während des Lesens hatte ich extrem widersprüchliche Gefühle. Es gibt ellenlange Beschreibungen völlig nichtiger Dinge, zum Beispiel das Aussehen von Visitenkarten – ob deren Farbe Elfenbein oder Eierschale ist, welche Schriftart verwendet wurde und so weiter. Es wird debattiert, in welches angesagte Restaurant man essen gehen soll, Bateman spricht viel über seine Lieblingsmusik und bestimmte LPs. Man verfolgt seitenweise seine Körperpflege und die Wahl seiner Kleidung. Kapitalismus ist ein durchgängig wichtiges Thema des Romans.

Kaum Tabus

Die scheinbar beliebigen Belanglosigkeiten plätschern so vor sich hin – und wechseln sich dann mit Batemans sadistischen Neigungen, seinen Sexorgien und seinen immer brutaler ausfallenden bestialischen Morden ab. Ich glaube, als das Buch damals erschien, war es ziemlich schockierend zu lesen, aber ebenso glaube ich, dass es auch heute noch schockiert. Denn in jeder Zeile schwingt eine grauenhafte Gleichgültigkeit mit, die Bateman als Erzähler suggeriert.

„American Psycho“ kennt kaum Tabus, um seinen Protagonisten in all seinen Facetten darzustellen. Seine Sexualität, seine egomanischen Züge, seine Langeweile vom Leben, seine Gewaltbereitschaft, sein Drang zu töten – schonungslos stürzt Ellis seine Leser von seitenlanger Monotonie in Gewaltexplosionen und umgekehrt.

Dabei ist der Roman nicht im klassischen Sinne spannend. Hier und da musste ich mich regelrecht durchquälen, weil einfach nichts passiert ist – nur um einige Seiten später eine neue brutale Aktion zu lesen. Insofern hat „American Psycho“ viele unterschiedliche Empfindungen in mir ausgelöst, von gelangweilt über schockiert und angeekelt bis hin zu beeindruckt.

Schockiert auch heute noch

Wie soll man ein Buch bewerten, das einen von gähnender Langeweile zu Ekel und wieder zurück katapultiert? Batemans Darstellung war komplex, vielschichtig und faszinierend. Gleichzeitig waren mir viele Elemente des Buches zu langweilig, auch wenn sie durchaus ihren Sinn hatten. „American Psycho“ ist ein außergewöhnlicher Roman, und ich bin froh, ihn gelesen zu haben. Auch wenn ich ihn wohl nie wieder lesen werde.

7/10 Psychopathen

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: American Psycho
Originaltitel: American Psycho
Autor: Bret Easton Ellis
Verlag: Kiepenheuer und Witsch
ISBN: 9783462036992
Erscheinungsjahr: 1991
Seitenzahl: 548

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