Cover Chevy Stevens: Still Missing. Foto: Fischer
Thriller

Chevy Stevens: Still Missing

Nachdem ich mit „Those Girls, meinem ersten Thriller von Chevy Stevens, jede Menge Spaß hatte, wollte ich unbedingt gleich das nächste Werk aus ihrer Feder lesen. Ein längeres Abwägen zwischen den Klappentexten der Romane folgte, und am Ende hatte ich mich für „Still Missing – Kein Entkommen“, ihren Debütroman von 2010, entschieden.

Entführt, missbraucht, erniedrigt

Dieser Tag ist für die Maklerin Annie O’Sullivan zunächst wie jeder andere auch: Sie geht wie gewöhnlich ihrer Arbeit nach und versucht, ihre Häuser an den Mann zu bringen. Bei ihrer aktuellen Immobilie taucht kurz vor Annies Feierabend ein Interessent auf. Die junge Frau ahnt nicht, dass mit diesem Aufeinandertreffen ihr Schicksal besiegelt ist.

Denn dieser freundliche Mann entpuppt sich als Annies Nemesis. Er betäubt, fesselt und entführt die junge Frau und verschleppt sie in eine einsame Blockhütte irgendwo mitten in der Wildnis. Von diesem Moment an liegt Annies Leben allein in seinen Händen: Sie isst, duscht, geht zur Toilette und schläft, wenn er es ihr erlaubt. Er bestimmt über jeden Bereich ihres Lebens und Annie kann nichts weiter tun, als sich seinem Willen zu unterwerfen …

Großartige Idee für einen Roman

Dass meine Wahl nach „Those Girls“ auf „Still Missing – Kein Entkommen“ fiel, lag an dieser großartigen Thematik. Eine selbstbewusste, lebensfrohe junge Frau, die mitten im Leben steht. Und die aus dem Nichts entführt, irgendwo in der Wildnis festgehalten und von ihrem Kidnapper missbraucht wird. Das ist der Stoff, aus dem grandiose Psychothriller sind.

Leider konnte mich „Still Missing“ bei Weitem nicht so überzeugen wie der erste Thriller, den ich von Stevens gelesen hatte. Die ersten 150 Seiten vergingen für mich noch wie im Flug. Ich fieberte mit der verzweifelten Annie mit, die ihrem Peiniger schutzlos ausgeliefert ist und sich in dieser neuen, erniedrigenden Situation zurechtfinden muss.

Es ist wohl nicht nur für Frauen ein Albtraum, mitten aus einer alltäglichen Situation gerissen und in eine grauenvolle Gefangenschaft gezwungen zu werden, aus der es keinen Ausweg gibt. Was Annie alles über sich ergehen lassen muss, ist harter Tobak und strapaziert die Nerven.

Auch die Perspektive der Erzählung ist interessant: Annie erzählt ihrer Therapeutin in Rückblenden von ihrem Martyrium, so dass man zwar von Anfang an weiß, dass die Protagonistin wieder freikommt. Aber erst Stück für Stück klärt sich auf, was passiert ist und wie sie es wieder in die Freiheit schaffte. Dieses Wissen holt natürlich auch ein bisschen Spannung und Tempo heraus.

Auch im weiteren Verlauf will keine rechte Spannung mehr aufkommen. Sobald Annie wieder in Freiheit ist, wirkt das weitere Geschehen konstruiert und unglaubwürdig. Und spätestens bei der Auflösung bezüglich der Entführung fühlte ich mich ein wenig auf den Arm genommen. Das ist bedauerlich, denn Stevens nimmt ihre Leser mit auf eine aufwühlende Reise, die spätestens zur Hälfte des Romans Unmut aufkommen lässt.

Emotional aufwühlend, sonst eher so làlà

Unterm Strich bleibt ein solider Psychothriller, der weniger Wert auf Spannung als auf das Innenleben seiner Protagonistin legt. Das mag emotional aufwühlend sein, vor allem im ersten Drittel des Romans, aber dieses Niveau kann „Still Missing“ nicht bis zum unbefriedigenden Finale aufrechterhalten. Schade, ich hatte mehr erwartet.

6/10 Blockhütten

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Still Missing – Kein Entkommen
Originaltitel: Still Missing
Autor: Chevy Stevens
Verlag: S. Fischer Verlag
ISBN: 9783596187164
Erscheinungsjahr: 2010
Seitenzahl: 416

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