Giles Kristian: Lancelot. Cover: Heyne
Historisches,  Phantastik

Giles Kristian: Lancelot

„Lancelot“ von Giles Kristian wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Das hat aber keinen Einfluss auf meine Bewertung. Ich liebe alles, was mit der Artus-Sage zu tun hat, von dem Film „Excalibur“ bis hin zu „Die Nebel von Avalon“. Das Ganze jetzt aus der Perspektive von Lancelot, einem der engsten Vertrauten des Sagenkönigs? Ich war skeptisch, da Lancelot nicht zu meinen Lieblingsfiguren der Sage gehört. Andererseits war ich aber auch viel zu neugierig, als dass ich diesen Roman hätte links liegen lassen können.

Arthurs engster Vertrauter

Der junge Lancelot, Sohn eines Königs in Aremorica, entgeht nur mit der Hilfe der mächtigen Herrin Nimue einem grausamen Schicksal. Fortan wächst er auf einer kleinen Insel im Süden Britanniens auf. Dort wird er nicht nur mit den übrigen Jungen in der Kriegskunst unterwiesen – er lernt auch die junge Guinevere kennen, die bei der Herrin Nimue ausgebildet wird. Rasch verliert er sein Herz an das mutige, wilde Mädchen mit einer besonderen Gabe. Die beiden verbringen eine aufregende und lehrreiche Zeit auf Herrin Nimues Eiland.

Doch ihre Wege trennen sich wieder. Guineveres Vater holt das Mädchen zurück nach Hause, während Lancelot weiter seiner Ausbildung nachgeht. Als Uther Pendragon, der Großkönig Britanniens, auf dem Sterbebett liegt, wird Lancelots Leben in völlig neue Bahnen gelenkt. Gemeinsam mit seinem Freund Bors reist der talentierte junge Kämpfer nach Tintagel, um mit anzuhören, wen der Pendragon zu seinem Nachfolger küren wird.

In jenen Tagen, die ganz Britannien verändern sollen, lernt Lancelot den kühnen Arthur kennen, Uthers Sohn. Zwischen den beiden Kriegern entwickelt sich eine tiefe, vertrauensvolle Freundschaft. Doch dunkle Schatten lauern in naher Zukunft. Arthur will das Land einen, um gegen die Sachsen zu bestehen – eine Mammutaufgabe für ihn und seine Mitstreiter. Und dann wird Lancelots und Arthurs Freundschaft auf eine harte Probe gestellt …

Die Story nimmt einen langen Anlauf

830 Seiten umfasst dieser Beitrag zur Artus-Sage. Viel Lesestoff also für Fans des Mythos! Ein bisschen arg lang geraten ist trotzdem in meinen Augen Lancelots Kindheit und Jugend. Über fast 400 Seiten wird in epischer Breite von den ersten 18 Lebensjahren unseres Ich-Erzählers berichtet. Grundsätzlich ist das schon in Ordnung. Es passiert immer mal wieder etwas Spannendes oder Überraschendes, langweilig wird es nicht. Andererseits wollte ich auch endlich die anderen Figuren der Artus-Sage kennenlernen (oder wiedersehen, wie man’s nimmt). Da zieht sich die Erzählung schon etwas in die Länge.

Als Lancelot und Arthur endlich aufeinandertreffen, hat die Geschichte für mich erst richtig angefangen. Dass ihre wachsende Freundschaft, das Wiedersehen mit Guinevere, der mysteriöse Merlin, die Ritter der Tafelrunde, all diese Elemente im Vergleich zu seinen Jugendjahren ein bisschen kurz kommen, war schade. Denn im letzten Drittel des Romans dreht die Geschichte erst richtig auf. All die aus der Sage bekannten Namen, von Parcefal über Mordred bis hin zu Gawain, tauchen auf und lassen den Mythos erst richtig lebendig werden.

Poetisch und bildgewaltig

Was die vorhandenen Längen in der ersten Hälfte von „Lancelot“ wettmacht, ist der bildgewaltige, ja fast poetische Schreibstil. Selbst wenn Kristian nur beschreibt, wie der junge Lancelot mit seinem Jagdvogel auf der Jagd ist, lässt er wundervolle Bilder entstehen. In diesem Stil kann man sich verlieren. Dazu trägt sicherlich auch die großartige Übersetzung von Julian Haefs bei.

Und auch die Figurenzeichnung ist prima gelungen. Lancelot als Ich-Erzähler ist stets nachvollziehbar und glaubwürdig – mal übermütig und gedankenlos, mal klug und umsichtig. Auch die übrigen Charaktere bekommen Form und Farbe, da gab es nichts zu meckern. Die einzige Figur, an der ich wirklich zu knabbern hatte, war Merlin. Ich habe immer Nicol Williamsons großartigen Merlin aus „Excalibur“ vor Augen – an dem muss sich jeder Merlin messen, und Kristians Merlin konnte da nicht mithalten. Das ist aber mein ganz persönlicher Tick.

Für alle Fans der Artus-Sage

Ein herrlicher Schmöker über eine der schillerndsten Figuren der Artus-Sage: Mit „Lancelot“ serviert uns Giles Kristian historische Sagenliteratur in einem poetischen, bildgewaltigen Stil, der sich wunderbar liest. Da hat auch die eine oder andere erzählerische Länge nicht allzu sehr gestört. Wer die Artus-Sage mag, sollte einen Blick riskieren!

7/10 Ritter

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Lancelot
Originaltitel: Lancelot
Autor: Giles Kristian
Verlag: Heyne
ISBN: 9783453471764
Erscheinungsjahr: 2022
Seitenzahl: 830

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