Han Kang: Die Vegetarierin. Cover: Aufbau Verlag
Gegenwartsliteratur

Han Kang: Die Vegetarierin

Ich hatte „Die Vegetarierin“ von Han Kang mehrfach auf diversen Plattformen gesehen und fand die Inhaltsangabe sehr ansprechend. Dass mir keine platte Story über eine Vegetarierin serviert wird, sondern sehr viel mehr hinter dem Titel steckt, war mir von vornherein klar. Aber dass sich solche Abgründe in diesem 2016 erstmals in Deutschland erschienenen Roman aus Korea auftun, hatte ich nicht erwartet. Übrigens gehört „Die Vegetarierin“ zu meiner Challenge #12für22, an der ich mich versuche. Das Wort „versuchen“ passt perfekt, ich habe nämlich erst eins geschafft …

Fleischloser Aufstand gegen die Norm

Yong-hye ist – aus Sicht ihres Ehemannes – eine vollkommen durchschnittliche Person. Sie sieht weder besonders gut noch besonders schlecht aus, hegt keine besonderen Leidenschaften, ist weder übermäßig faul noch fleißig. Ihm ist das sehr recht, denn wenn eine Frau durchschnittlich ist, wird sie wohl auch nicht anstrengend sein.

Von einem Tag auf den anderen ändert sich dieses bequeme und unaufgeregte Leben plötzlich. Denn Yong-hye hört auf, Fleisch zu essen. Was zunächst nicht dramatisch klingt, ist für ihre Familie ungeheuerlich. Niemand versteht ihr Verhalten und warum sie sich plötzlich nur noch von pflanzlichen Produkten ernährt. Ihrem Ehemann ist es peinlich, ihren Eltern unangenehm.

Doch der Vegetarismus ist erst der Anfang von Yong-hyes Wandlung. Immer mehr lehnt sie sich gegen gesellschaftliche Normen auf. Sie hört auf, BHs unter der Kleidung zu tragen, und entblößt sich in der Öffentlichkeit. Und sie träumt davon, eine Pflanze zu werden … Ihre einzige Verbündete ist ihre Schwester In-hye, die Yong-hyes Verhalten zwar nicht versteht, sie aber trotzdem zu unterstützen versucht.

Koreanischer Surrealismus

In einer der Rezensionen, die ich vor dem Kauf von „Die Vegetarierin“ gelesen habe, wurde das Wort „kafkaesk“ verwendet – und das war einer der Gründe, warum ich neugierig geworden bin. Ich war zu Studienzeiten kein riesiger Kafka-Fan, aber einige Werke von ihm mochte ich sehr gerne, weil sie sich so angenehm aus der Masse an Hochliteratur abgehoben haben. Und nach dem Lesen von Han Kangs Roman weiß ich nun auch, dass der Begriff recht gut passt. Hier vermischen sich Realismus und Surrealismus, gewürzt mit einer Portion Psychologie. Und auch die für Kafka so typische Entfremdung ist zu finden, etwa wenn Yong-hye davon träumt, eine Pflanze zu werden, und sie diesem Idealzustand durch die Arbeit ihres Schwagers ein Stück näher kommt.

Wie in der Einleitung schon erwähnt, geht es nur vordergründig um den Vegetarismus; er ist vielmehr ein Symbol. Denn was wirklich im Mittelpunkt von Han Kangs Werk steht, ist die Rolle der Frau in der koreanischen Gesellschaft. Gepresst in ein System, das keine Abweichungen erlaubt, soll sich Yong-hye allem unterordnen: den allgemeingültigen Normen, ihrem Vater, ihrem Ehemann. Sie wählt einen anderen Weg, muss dafür Ablehnung und Schmerz erfahren und ist doch in den Momenten am glücklichsten, wenn sie sich selbst treu bleibt.

Roman ist dreigeteilt

Der Roman ist aus drei Perspektiven erzählt. Im ersten Teil kommt Yong-hyes Ehemann zu Wort, der die Veränderungen an seiner Frau beschreibt und kommentiert. Der zweite Teil ist aus Sicht von Yong-hyes Schwager erzählt, der eine sexuelle Obsession für die Protagonistin hat. Yong-hyes Schwester erzählt den dritten Teil. Die nüchterne Sprache ist Geschmackssache; ich mochte diesen Stil gerne, er war schnörkellos und geradlinig, was gut zu der befremdlichen Atmosphäre gepasst hat. Auch die Figuren waren interessant konzipiert, vor allem Yong-hye und ihre Schwester In-hye.

Emotional hat mich „Die Vegetarierin“ nur zu Beginn packen können, als Yong-hyes Entwicklung beginnt und sie sich zunächst weigert, tierische Produkte zu essen. Nahezu ihre gesamte Familie hat mit diesem Umstand zu kämpfen, Yong-hye wird angefeindet und erfährt körperliche Gewalt. Und je stärker sie sich verändert, desto ratloser reagiert ihr Umfeld. Der Wechsel zum Schwager als Erzähler hat mich allerdings nicht abgeholt. Seine Besessenheit von Yong-hye gibt der Story noch mal eine neue Richtung, hat mich aber auch von der Protagonistin entfernt. Erst als In-hye als Schwester zu Wort kommt, habe ich wieder besser in die Geschichte gefunden. Am Ende hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass noch nicht alles Wichtige gesagt war, was mich nicht gestört, aber irgendwie einen unfertigen Eindruck hinterlassen hat.

Nüchtern und trotzdem atmosphärisch

Letzten Endes mochte ich „Die Vegetarierin“, seine diffus surrealistische Stimmung und den nüchternen Stil gerne. Yong-hye als Protagonistin, die nie selbst zu Wort kommt, war eine spannende Figur, die man nach und nach bruchstückhaft aufdeckt und kennenlernt. Der Mittelteil hat für mich einen Bruch dargestellt, mit dem ich nicht so viel anfangen konnte, und ich hatte das Gefühl, dass noch nicht alles Wichtige gesagt war. Dennoch war es für mich ein schöner Abstecher in die koreanische Literatur.

7/10 Pflanzen

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Die Vegetarierin
Originaltitel: The Vegetarian
Autor: Han Kang
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN: 9783351036539
Erscheinungsjahr: 2007
Seitenzahl: 190

Anmerkung: Für den koreanischen Originaltitel hatte ich nicht das passende Zeichen-Set.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.