Cover Alexis Henderson: Das Jahr der Hexen. Foto: Festa Verlag
Fantasy,  Highlight des Monats

Highlight – Alexis Henderson: Das Jahr der Hexen

„Das Jahr der Hexen“ von Alexis Henderson wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Das hat aber keinen Einfluss auf meine Bewertung. Vor allem der Vergleich mit „Der Report der Magd“ in einer englischsprachigen Rezension hatte mein Interesse an dem Debütroman der Autorin geweckt. Und nach dem Lesen war mir klar: Dieser Roman gehört in die Kategorie Highlight des Monats.

Blut, Pestilenz, Finsternis, Gemetzel

Die Menschen in dem kleinen Ort Bethel sind ganz ihrem Glauben und dem Wort des Propheten unterworfen. Der Prophet ist Beschützer, Richter und Herrscher in einer Person. Frauen sind dazu berufen, zu dienen und zu gehorchen. Wer sich dem Propheten und seinen Gesetzen nicht fügt, wird hart bestraft.

Immanuelle kennt kein anderes Leben als dieses. Die junge Frau lebt schon immer mit ihrer Familie in Bethel, aber glücklich über ihre Lebensumstände ist sie nicht. Als Tochter zweier Ausgestoßenen und Frucht einer verbotenen Verbindung hatte sie es in der strengen Gemeinschaft noch nie einfach. Und sie weiß um ihre Sünden.

Als auf dem Weg vom Markt der Widder, den sie dort hätte verkaufen sollen, in den Dunklen Wald rennt, folgt Immanuelle ihm – obwohl sie weiß, dass der Wald als Hexengebiet gilt und es streng verboten ist, ihn zu betreten. Tatsächlich trifft sie auf seltsame Frauen, die ihr ein Geschenk machen: das Tagebuch ihrer Mutter, die bei ihrer Geburt gestorben war.

Heimlich liest Immanuelle die Einträge ihrer Mutter, betrachtet die immer grotesker werdenden Zeichnungen. Mit zunehmendem Entsetzen erkennt sie, dass sich ihre Mutter offenbar mit den Hexen verbündet hat, um furchtbare Plagen über die Menschen von Bethel zu bringen: Blut, Pestilenz, Finsternis und Gemetzel. Aber was haben der Prophet und der Heilige Krieg damit zu tun?

Wichtige Themen im Fantasy-Gewand

Feminismus und das Aufbegehren gegen das Patriarchat vermischt mit einem an die Pilgerväter erinnernden Fantasysetting und einem Hexenthema – diese Mischung hat richtig Spaß gemacht! Und da ist noch mehr: Auch Rassismus und Sexismus, zwei Themen, die in unserem alltäglichen Leben aktueller denn je sind, kommen darin zur Sprache. Was im ersten Moment überladen wirkt, setzt sich eher wie ein Puzzle passend zusammen.

Denn wie soll Feminismus ohne Sexismus diskutiert werden? Wie kann man Unterdrückung ganz von Rassismus trennen? Es sind schwierige Themen, die Henderson in ihrem Debütroman behandelt, gleichzeitig aber auch verdammt wichtige. Dass sie ihre Geschichte in eine Fantasywelt mit sehr kleinem Spielraum einbettet, rückt den Blick aufs Wesentliche: nämlich auf Frauen, die unterdrückt und – notfalls mit Gewalt – gefügig gemacht werden.

Und dann ist da Immanuelle, die Protagonistin. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, die in dieser von Männern und deren Regeln bestimmten Welt aufwächst, die aufgrund ihrer Herkunft und auch Hautfarbe geächtet wird. Es ist spannend mitzuerleben, wie Immanuelle im Verlauf der Geschichte immer mehr zu sich findet, stärker wird und schließlich gegen den Status Quo aufbegehrt.

Dark Fantasy oder Historisches mit Fantasy-Elementen?

Auch Magie und Übernatürliches finden ihren Platz in dem Roman, den ich am ehesten der Dark Fantasy zuordnen würde. Dadurch, dass der Fantasy-Anteil nicht zu umfassend ausfällt, liest es sich manchmal fast wie ein historischer Roman mit fantastischen Elementen. Eine Kombination, die ich sehr gerne mag.

Nicht zuletzt wegen der Sprache des Romans ist „Das Jahr der Hexen“ für mich das Monatshighlight im Mai. Der altmodische, fast antiquierte Stil passt perfekt zur Thematik, ist gleichzeitig leicht zu lesen und erzeugt die richtige Stimmung. Hin und wieder sind die Formulierungen und Beschreibungen vielleicht ein wenig zu ausschweifend und umständlich. Aber das war eine Kleinigkeit, die mich beim Lesen nicht wirklich gestört hat.

Und wer sich wundert, dass ich trotz all des Lobes „nur“ 8 Punkte gebe: 8 Punkte sind verdammt gut! Ich glaube aber auch, dass hier und da noch etwas Feinschliff möglich ist. Henderson steht erst am Anfang ihrer Karriere – da geht noch mehr. Erwähnt werden sollte auch die liebevolle Aufmachung des Buches mit dem festen Einband in Lederoptik inklusive Lesebändchen.

Unterdrückung im Namen der Religion

Moralische Verwerflichkeit, Unterdrückung im Namen der Religion, Sexismus, Rassismus, eine hinreißende Protagonistin und ein tolles Setting: „Das Jahr der Hexen“ verknüpft gekonnt spannende und wichtige Themen. Ein großartiger Debütroman in einer großartigen Aufmachung!

8/10 Plagen

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Das Jahr der Hexen
Originaltitel: The Year of the Witching
Autor: Alexis Henderson
Verlag: Festa Verlag
ISBN: 9783865529114
Erscheinungsjahr: 2021
Seitenzahl: 524

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