Cover Jack Ketchum: Evil. Foto: Heyne
Horror

Jack Ketchum: Evil

Jack Ketchums Romane sind häufig recht blutrünstig, er bedient das klassische Horrorgenre wie kaum ein anderer. In „Evil“, das erstmals 1989 erschien, geht es um ein intensives und schwer erträgliches Thema: Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Wenn ihr euch also unwohl fühlt, rate ich euch, nicht weiterzulesen.

Das Martyrium eines Mädchens

Die 14-jährige Meg und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Susan verlieren nach einem schweren Autounfall ihre Eltern. Fortan müssen sie bei ihrer Tante Ruth leben, die als alleinerziehende Mutter mit ihren drei Söhnen eigentlich weder die Zeit noch das Geld hat, sich um zwei weitere Kinder zu kümmern.

Schon bald zeigt sich, dass Ruth ihre eigenen Probleme immer mehr an Meg auslässt. Was mit Beschimpfungen und gehässigen Bemerkungen beginnt, entwickelt sich rasend schnell zu offen ausgelebtem Hass. Meg wird in den Keller gesperrt, bekommt manchmal nichts zu essen, wird geschlagen und gedemütigt.

Und irgendwann kommt Ruth auf die Idee, die Nachbarskinder in diese Folter mit einzubeziehen. Für Meg beginnt ein Martyrium der schlimmsten Art …

Ein außergewöhnlicher Roman

Wie ich es schon in der Einleitung angedeutet habe: Wer von euch eher zartbesaitet ist und nicht so gern brutale Szenen liest, dem muss ich von „Evil“ abraten. Es kommen sowohl Szenen mit physischer als auch psychischer Gewalt vor, und das nicht zu knapp. Als Leser muss man tatenlos mitansehen, wie ein hilfloses Mädchen gequält und gefoltert wird. Nachbarsjunge David schildert die Begebenheiten als Ich-Erzähler und lässt kaum ein grausiges Detail aus. Das geht unter die Haut und lässt einen auch nach dem Lesen lange nicht mehr los.

Was diesen Roman aber noch intensiver und eindringlicher macht: Die Story beruht auf einer wahren Begebenheit. Ja, richtig gelesen: In den 60er Jahren wurde die damals sechzehnjährige Sylvia Likens von ihrer Pflegemutter und deren Kindern zu Tode gefoltert. Es gibt dazu einen Wikipedia-Eintrag, der ebenfalls eher den Hartgesottenen zu empfehlen ist. Denn was diesem armen Mädchen angetan wurde, lässt sich kaum begreifen und noch weniger in Worte fassen.

Für mich ist „Evil“ mit Abstand Jack Ketchums bestes Werk. Das mag natürlich auch dem Umstand geschuldet sein, dass ein realer Fall zugrunde liegt. Aber Ketchum greift dieses Thema brillant auf und zieht seinen Leser in einen unwiderstehlichen Sog. Man will und muss weiterlesen, egal wie hart es ist und egal wie schwer es einem fällt. Und ich bin mir sicher, dass ich dieses Buch nie wieder vergessen werde.

Erschütternd und aufwühlend

„Evil“ ist für mich eins der erschütterndsten, aufwühlendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Ich muss euch aber warnen. Mit dem Wissen, dass die Ereignisse tatsächlich so ähnlich passiert sind – Ketchum hat sich ein paar künstlerische Änderungen erlaubt –, ist der Roman eine heftige Reise durch die Abgründe der menschlichen Seele. „Evil“ wird euch nicht mehr so schnell loslassen. Und tatsächlich bekommt „Evil“ nur deshalb nicht die Bestbewertung, weil ich einem Buch mit dieser grauenerregenden Thematik einfach nicht die volle Punktzahl geben kann.

9/10 menschliche Abgründe

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Evil
Originaltitel: The Girl Next Door
Autor: Jack Ketchum
Verlag: Heyne Hardcore
ISBN: 9783453675025
Erscheinungsjahr: 2005
Seitenzahl: 336

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