Jack Ketchum: Wahnsinn. Cover: Heyne Hardcore
Horror

Jack Ketchum: Wahnsinn

Wenn ich Lust auf eine gnadenlose, harte Geschichte habe, aber auch Wert auf einen starken Schreibstil lege, dann greife ich gern zu einem Buch von Jack Ketchum. „Wahnsinn“ klang vom Inhalt her total interessant. Aber sofort eine wichtige Content-Warnung: Es geht um Missbrauch und Gewalt gegen Frauen und Kinder. Wenn ihr sensibel auf so etwas reagiert, solltet ihr lieber zu einem anderen Buch greifen.

Gewalt in der Familie

Arthur Danse ist schon seit seiner Jugend anders als andere. Ständig eckt er an und treibt böswillige Scherze. Officer Ralph Duggan erkennt, dass Arthur jemand ist, der immer wieder Ärger macht, doch er kann ihm nie etwas nachweisen. Arthur geht sogar so weit, dass er eine Mitstudentin am College schlägt und vergewaltigt, doch auch das wird ihm nie zur Last gelegt.

Liddy McCloud ahnt von alledem nichts, als sie Arthur kennen lernt. Sie hat selbst eine gescheiterte Ehe hinter sich und sehnt sich nach einem anständigen Mann an ihrer Seite, der mit ihr eine Familie gründet und sie gut behandelt. Arthur, der mittlerweile eine Bar führt und ein angesehener Geschäftsmann ist, scheint ihr wie die ideale Wahl.

Die beiden heiraten und bekommen einen Sohn namens Robert. Doch irgendwann beginnt Arthur sein wahres Gesicht zu zeigen. Er schlägt Liddy und drängt sie zu Sexspielen, die sie nicht mag, zwingt ihr Sadomaso auf. Und als ihr Sohn Robert sich plötzlich immer seltsamer verhält, zieht Liddy die Reißleine und schaltet die Polizei ein. Doch dann muss sich Liddy nicht mehr nur gegen Arthur wehren, sondern auch die Mühlen der Justiz bekämpfen.

Glaubwürdig und brutal

Uff – wenn man einen Ketchum liest, weiß man ja eigentlich, worauf man sich einlässt. Mit „Wahnsinn“ bietet er wieder harte Kost, die weniger von Splatterszenen oder blutigen Beschreibungen lebt als vielmehr von Psychoterror. Deshalb auch meine Content-Warnung, denn ähnlich wie bei „Evil“ bringt Ketchum auch hier seine Leser an den Rand des Zumutbaren. Gerade wenn es um Gewalt gegen Frauen oder, noch schlimmer, gegen Kinder geht, solltet ihr abschätzen können, ob ihr das ertragt.

Denn Ketchum lässt Liddy gnadenlos durch die Hölle gehen. Dabei wird die Gewalt, die ihr und ihrem Sohn Robert angetan wird, nicht sensationsgeil in allen Einzelheiten beschrieben (wie es bei Richard Laymon oft der Fall ist). Andeutungen reichen schon, um die Tragik dessen, was sich in dieser Familie abspielt, aufzuzeigen. Die Hilflosigkeit, mit der sich Liddy konfrontiert sieht, ist mit Händen zu greifen.

Was mir besonders gut gefallen hat, war die Glaubwürdigkeit der Ereignisse: Anders als in vielen anderen Horrorromanen handeln die Protagonisten realistisch und nachvollziehbar, selbst als es zum dramatischen Showdown kommt. Mit Arthur haben wir einen Bösewicht, der seinem Namen alle Ehre macht, ohne überzogen zu wirken. Und das Ende ist brutal und konsequent – bei mir wird es jedenfalls noch eine Weile nachhallen.

Auch der Schreibstil hat es mir wieder angetan: Ketchum bleibt beim Wesentlichen, treibt die Geschichte zügig voran und verliert sich nicht in belanglosen Details. Ein Kritikpunkt war für mich die Zeichnung der Nebenfiguren. Einige sind etwas zu oberflächlich geraten, zum Beispiel Officer Duggan oder Liddys beste Freundin, die ihr durch die schwere Zeit hilft. Da wäre mehr drin gewesen.

Ketchum-Fans müssen zugreifen!

Wenn ich Jack Ketchum nicht schon vorher gern gelesen hätte, wäre ich spätestens mit „Wahnsinn“ ein Fan geworden: Schonungslos, aber nicht plakativ schickt er seine Protagonistin Liddy und ihren Sohn Robert durch die Hölle. In einem schnörkellosen Stil und mit viel Tempo erzählt er seine Geschichte. Beide Daumen hoch für diesen Höllenritt!

8/10 Scheidungsgründe

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Wahnsinn
Originaltitel: Stranglehold
Autor: Jack Ketchum
Verlag: Heyne Hardcore
ISBN: 9783453675520
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenzahl: 352

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