Cover Jack Ketchum und Lucky McKee: Scar. Foto: Heyne
Horror

Ketchum / McKee: Scar

In Europa ist dieser Trend zum Glück noch nicht so stark ausgeprägt wie in den USA: Kinder in die Unterhaltungsmaschinerie werfen und mit ihnen einen Haufen Geld verdienen. Ob die Miss-Wahlen für die kleinen Mädchen oder Kinderdarsteller bei Film und Fernsehen, dieses sehr fragwürdige Vorgehen ist offenbar ein Teil des amerikanischen Lebens. Jack Ketchum, sonst eher für seine deftigen Horrorszenarien bekannt, und Lucky McKee haben sich in „Scar“ des interessanten Themas angenommen. Natürlich mit einem kleinen Schuss Horror.

Goldesel Delia

Delia Cross ist ein liebenswertes, hübsches und kluges Mädchen. Ihre beste Freundin ist Familienhündin Caity, die sich stets an ihrer Seite hält. Doch anders als andere Kinder geht Delia nicht zur Schule oder spielt mit Gleichaltrigen.

Delia ist ein Fernsehstar und wird dabei unterstützt von ihrer von Ehrgeiz zerfressenen Mutter Patricia, ihrem dem Alkohol nicht abgeneigten Vater Bart und ihrem Zwillingsbruder Robbie, der neben Delia viel zu oft unsichtbar ist. Die Elfjährige dreht Werbespots und hat kleinere Auftritte in Serien. Ihr macht die Arbeit Spaß, sie ist fleißig und tut brav, was man ihr sagt. Aber manchmal wünscht sie sich auch, einfach nur ein ganz normales Mädchen zu sein.

Die Familie verdient gut an der Arbeit ihrer Tochter. Und der Fleiß scheint sich auszuzahlen: Delia wird eine Hauptrolle in einer vielversprechenden Fernsehserie angeboten. Doch ein tragischer Unfall macht alle Zukunftspläne zunichte. Das Mädchen muss für den Rest seines Lebens mit Narben leben. Als ihre Eltern damit beginnen, Delia weiterhin zu vermarken und diese Narben zur Schau zu stellen, beginnt sich das Mädchen zu wehren.

Wie weit dürfen Eltern gehen?

„Scar“ ist vermutlich Ketchums zugängstlicher Roman. Oder vielmehr der Roman, der einem breiteren Publikum zugänglich ist. Das liegt schlichtweg daran, dass Ketchum und McKee den Schwerpunkt nicht auf Gemetzel oder physischen Horror legen. Vielmehr geht es um die psychologische Seite: Ein Mädchen, das von seiner Familie ausgenutzt wird und sich gegen seine Eltern auflehnt. Eine Mutter, die das Wohl ihres Kindes zugunsten ihres schönen Lebens aus den Augen verliert. Ein Vater, der zu bequem und zu infantil ist, um seine Familie zu beschützen.

Das sind die Komponenten, die aus „Scar“ fast eher ein Drama mit Horroranteilen machen als einen klassischen Ketchum à la „Beutezeit“. Die Handlung ist nicht völlig unvorhersehbar. Dass es zur Katastrophe kommen muss, versteht sich quasi von selbst. Entsprechend gibt es so gut wie keine wirklich überraschenden Wendungen.

Aber das stört überhaupt nicht. Delia ist ein wahnsinnig sympathischer Charakter, der einem sofort ans Herz wächst und mit dem man automatisch mitfiebert. Interessant ist der Kniff, dass einige Kapitel auch aus Caitys Sicht geschildert werden. Das gibt dem Ganzen eine phantastische Note, die gegen Romanfinale noch verstärkt wird.

Zudem kritisieren Ketchum und McKee diese seltsame Mentalität, Kinder zur Schau zu stellen und damit Geld zu verdienen. Die ausbeuterische Familie, die ihre Tochter als Goldesel missbraucht, ist zwar manchmal etwas klischeehaft, aber nicht zu platt dargestellt. Auch die Dynamik zwischen den Familienmitgliedern ist größtenteils glaubwürdig und vor allem nicht zu schwarz-weiß.

Kritik an der Unterhaltungsindustrie

In „Scar“ werfen Jack Ketchum und Lucky McKee einen kritischen Blick auf geldgierige Eltern und die Unterhaltungsindustrie. Hier und da ist das Ganze ein bisschen klischeehaft und nicht sehr überraschend. Aber der Roman liest sich kurzweilig und die junge Protagonistin Delia hat man ganz schnell ins Herz geschlossen.

7/10 Narben

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Scar
Originaltitel: The Secret Life of Souls
Autor: Jack Ketchum und Lucky McKee
Verlag: Heyne Hardcore
ISBN: 9783641196493
Erscheinungsjahr: 2017
Seitenzahl: 336

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