Cover Kim Newman: Die Vampire. Foto: Heyne
Horror,  Phantastik

Kim Newman: Die Vampire

1280 Seiten geballte Ladung Blutsauger: „Die Vampire“ von Kim Newman ist ein Sammelband aus drei Romanen des Autors. Hier sind „Anno Dracula“, „The Bloody Red Baron“ sowie „Dracula Cha Cha Cha“ zu einem Buch zusammengefasst. Soweit ich weiß, wurde der dritte Roman nie ins Deutsche übersetzt, ist also nur in diesem Sammelband auf Deutsch erhältlich.

Was wäre, wenn …?

Kim Newman breitet in „Die Vampire“ ein interessantes Gedankenspiel vor seinen Lesern aus. Was wäre, wenn Dracula eine reale historische Figur gewesen wäre? Und was wäre, wenn Abraham Van Helsing wirklich gelebt, es aber nicht geschafft hätte, Dracula zu töten? Was, wenn Dracula die Welt, wie wir sie heute kennen, entscheidend verändert hätte?

Wir beginnen im England des 19. Jahrhunderts. Vlad Tepes konnte seinen Erzfeind Abraham Van Helsing und dessen Helfer besiegen. Seine Gegner sind entweder tot oder in Vampire verwandelt worden. Als Gemahl von Königin Victoria läutet Dracula ein dunkles neues Zeitalter ein. Er will die Welt völlig verändern.

Und das gelingt ihm. Vampirghettos entstehen, Menschen werden von der Karpatischen Garde verfolgt, Vampire töten wahllos und ohne Zögern, Pfählungen gehören zum neuen Alltag.

Als ein Unbekannter damit beginnt, Vampire zu töten, werden zwei Ermittler auf die Mordserie angesetzt. Ist es ein Mensch, der sich an den Vampiren rächen will? Oder ist es ein Blutsauger, der seine eigenen Artgenossen niedermetzelt? Charles Beauregard, ein Mitglied des geheimen Diogenes-Clubs, und die Vampirin Geneviève Dieudonné versuchen, den Killer zu finden und aufzuhalten …

Drei Romane in einem Band

Der zweite Roman setzt einige Jahrzehnte später an. Dracula macht mit Kaiser Wilhelm II. gemeinsame Sache und zettelt gar den Ersten Weltkrieg an. Manfred von Richthofen, der Rote Baron, ist einer von Draculas stärksten Streitern. Edwin Winthrop vom Diogenes-Club soll den Feind ausspionieren.

In die 1950er Jahre springt das dritte Buch. Dracula will die Prinzessin Asa Vajda heiraten, um wieder an die Macht zu kommen. Zahlreiche hochrangige Vampire reisen zur Hochzeit nach Rom. Doch auch der Diogenes-Club schickt einen seiner besten Männer, und zwar niemand anderen als James Bond.

Ambitioniert und innovativ …

„Die Vampire“ ist in seiner Gesamtheit ein sehr ambitioniertes Werk. Dem Leser wird eine Mischung aus historischem Roman, Vampirhorror und Phantastik kredenzt. Geschickt werden phantastische Elemente in die realen Ereignisse des 19. und 20. Jahrhunderts eingebunden, so dass sich ein beeindruckendes, durchweg logisches Gesamtwerk ergibt. Die damalige Zeit wird realistisch und glaubwürdig dargestellt. So hätte es wirklich aussehen können, wäre Dracula eine reale historische Figur und hätte bis in Viktorianische Zeitalter hinein gelebt.

Auch die Darstellung des Miteinanders von Menschen und Vampiren ist faszinierend. Beide Rassen haben gelernt, nebeneinander zu leben – zumindest mehr oder weniger, wie der Handlungsverlauf zeigt. Oft wird dieses Nebeneinander nur durch geschickte beiläufige Bemerkungen deutlich.

Newman jongliert geradezu mit Geschichte und Literatur. Da tauchen Bram Stoker und Simone de Beauvoir auf, Dr. Jekyll und Jack the Ripper, Kaiser Wilhelm II. und Manfred von Richthofen. Sogar Audrey Hepburn hat einen Auftritt. Das ist alles ziemlich beeindruckend – aber teilweise auch ziemlich überladen.

… aber auch überladen und anstrengend

Denn bei allem Respekt vor diesem Mammutwerk war es für mich auch eine Herausforderung. Zahllose mal mehr und mal weniger wichtige Charaktere bevölkern die drei Bände. Ein Glossar, mit dessen Hilfe man sich besser hätte zurechtfinden können, gibt es leider nicht. Auch die Geschichte an sich sprudelt nur so über vor geschichtlichen Fakten und Ereignissen. Beinahe scheint es, als hätte Kim Newman alles, aber auch wirklich alles, was ihm an historischen Spannungsmomenten gefällt, aufgegriffen, um es irgendwie in seinem Werk zu verarbeiten.

Gerade auf den ersten 100 bis 200 Seiten braucht man viel Durchhaltevermögen, um bei der Fülle an Namen, Ereignissen und Ideen nicht die Segel zu streichen. Ich hatte das Buch damals als Rezensionsexemplar erhalten und musste arg kämpfen. Doch für mich konnte sich die Genialität des Werkes nicht vollends erschließen. Nicht falsch verstehen, ich finde es absolut atemberaubend, was Newman hier vollbracht hat.

Aber bei allen Spielereien mit Geschichte, Literatur und Fiktion blieb für mich der Lesespaß zurück. Mir fehlte dieses Eintauchen in eine spannende Handlung, mir fehlten Charaktere, denen ich mich verbunden fühlen kann. Es geht mehr um das vollendete Gedankenspiel als um ein in sich geschlossenes, harmonisch komponiertes Werk. Und gerade die Figur des Dracula, die ja doch Dreh- und Angelpunkt der 1280 Seiten ist, taucht in meinen Augen viel zu selten auf.

Zu viel gewollt

Die drei Romane in „Die Vampire“ sind innovativ und anspruchsvoll. Leider verliert sich das interessante Grundthema in politischen und gesellschaftlichen Ränken. Dabei bleibt der Kern, nämlich das Vampirische, auf der Strecke. Hinzu kommen vermeidbare Längen gerade in den ersten beiden Bänden, was das Lesevergnügen deutlich schmälert. Eine geniale Idee, hinter deren Ambitionen der Lesespaß auf der Strecke bleibt.

5/10 Blutsauger

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Die Vampire
Originaltitel: Anno Dracula/The Bloody Red Baron/Dracula Cha Cha Cha
Autor: Kim Newman
Verlag: Heyne
ISBN: 9783453532960
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenzahl: 1280

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