Cover Li Yu-Chen: Die Mädchen der Pagode. Foto: Tosa Verlag Wien
Erotik,  Historisches

Li Yu-Chen: Die Mädchen der Pagode

Normalerweise gebe ich zu Beginn einer Rezension ja ganz gerne interessante Fakten zum vorgestellten Roman, dessen Entstehung oder zum Autor. Über Li Yu-Chen kann ich leider nicht viel sagen, da ich kaum etwas Verwertbares gefunden habe. Bekannt ist lediglich, dass der Schriftsteller um 1800 gelebt haben soll. Die Ursprünge des Romans „Die Mädchen der Pagode – Erotischer Roman aus dem alten China“ sind also wahrscheinlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu finden. Es handelt sich um eine Sammlung erotischer Kurzgeschichten in einer zusammenhängenden Rahmenhandlung. Allerdings ist nichts Genaueres bekannt; der Inhalt des Romans gehört in einen Kanon aus überlieferten Erzählungen, deren Ursprung nicht exakt festgelegt werden kann.

Die Geschichten der Blumenmädchen

Wir schreiben das 15. Jahrhundert. Genau einhundert wunderschöne Frauen leben gemeinsam in einer Pagode, die der „Blumenhof“ genannt wird. Die Pagode, die abseits der Stadt an einem Fluss liegt, ist nur über eine Brücke zu erreichen. Su-ngo ist die Herrin der Pagode, die sich um die Mädchen kümmert.

Besucher, die den „Blumenhof“ besuchen, suchen hier Zerstreuung, die sowohl körperlicher als auch geistiger Natur sein kann. Su-ngo ist dabei stets darauf bedacht, dass es den Frauen wie auch den Besuchern an nichts mangelt.

Als ein Unwetter über das Land zieht und der Fluss unter den Regenmassen anschwillt, wird die Brücke zerstört. Niemand kann die Pagode verlassen oder betreten. Und so beginnen die Frauen des Blumenhofes damit, sich gegenseitig erotische Geschichten zu erzählen.

Da ist die Geschichte über zwei Brüder, von denen der eine gar nicht so männlich ist, wie er zu sein behauptet. Ein anderes Mädchen erzählt von einem Mann, der sich in die Tochter eines reichen Mannes verliebt. Und da er weder klug noch gutaussehend ist, schickt er seinen attraktiven Vetter zu Tochter und Vater, damit dieser beide für sich gewinnt.

Und so vertreiben sich die Frauen die Zeit, bis der Fluss endlich wieder passierbar ist.

Irgendwo zwischen blumig und zotig

Ich liebe Geschichten, die im alten China spielen – deshalb war ich umso neugieriger darauf, wie sich eine Sammlung erotischer chinesischer Erzählungen lesen lassen würde. Sprachlich bewegt sich der Roman irgendwo zwischen märchenhaft und zotig. Gleichzeitig werden die erotischen Handlungen sehr blumig und verspielt umschrieben. Das macht die Geschichten vielleicht nicht erotisch, aber doch sinnlich. Hin und wieder gibt es dann aber auch Ausdrücke, die so plump sind, dass sie die Atmosphäre doch arg stören.

Hinzu kommt, dass die Geschichten, die sich die Blumenmädchen – letztlich auch nur eine charmante Bezeichnung für Prostituierte – erzählen, sehr oberflächlich bleiben. Auch die zahlreichen erotischen Begegnungen sind letzten Endes nicht wahnsinnig einfallsreich oder originell, manches wiederholt sich.

Für unsere moderne Zeit ist die dargestellte Erotik auch nur noch bedingt nachvollziehbar. Gleichberechtigung ist in „Die Mädchen der Pagode“ ein Fremdwort – man muss aber auch den historischen Kontext bedenken. Trotzdem können die erotischen Elemente in der heutigen Zeit sicherlich nicht mehr so unterhalten wie damals, jedenfalls nicht eine moderne, aufgeschlossene Frau.

Warum ich als moderne Frau den Roman trotz all der Kritik trotzdem ganz gern mochte? Weil mich „Die Mädchen der Pagode“ tatsächlich ein bisschen ins alte China entführt hat. Die blumigen Umschreibungen, die Leichtigkeit, die manchmal lustigen erotischen Begegnungen, all das hebt den Roman von anderen Erotikromanen ab und ist allein deshalb schon einen Blick wert.

Erotisches aus dem alten China

Wer das alte China als Schauplatz mag und sich nicht an erotischen Erzählungen stört, die Frauen eher als Lustobjekt zeigen denn als gleichberechtigte Partnerin, könnte seine Freude an dem blumig leichten, fast märchenhaft erzählten Roman „Die Mädchen der Pagode“ haben. Einen Extrapunkt gibt es für das wunderschön gebundene Hardcover, das richtig Lust auf das Buch macht.

6/10 Pagoden

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Die Mädchen der Pagode – Erotischer Roman aus dem alten China
Originaltitel: unbekannt
Autor: Li Yu-Chen
Verlag: Tosa Verlag
ISBN: 9783850030489
Erscheinungsjahr: 2006
Seitenzahl: 285

Den Originaltitel konnte ich trotz langer Recherche nicht ausfindig machen. Das Erscheinungsjahr bezieht sich diesmal nicht auf die Ersterscheinung in Deutschland, sondern auf die Veröffentlichung beim Tosa Verlag.

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