Natascha Kampusch: 3096 Tage. Cover: Ullstein
Sachbuch

Natascha Kampusch: 3096 Tage

Ich war nicht mal 15 Jahre alt, als der Fall Natascha Kampusch 1998 um die Welt ging. Falls ihr nichts über diese Tragödie wisst: Die damals Zehnjährige wurde auf dem Weg zur Schule entführt und jahrelang in einem Keller gefangen gehalten. Erst 2006 gelang ihr die Flucht – und zwar allein und ohne Hilfe. Das Schicksal von Natascha Kampusch hat die ganze Welt berührt. Und da mich ihre Sicht auf das, was sie erlebt hat, sehr interessiert hat, habe ich mir ihr Buch „3096 Tage“ zu Gemüte geführt.

Eine achtjährige Tortur

Es ist der 2. März 1998. Natascha Kampusch ist zehn Jahre alt. Das Mädchen ist ein bisschen pummelig und unsicher, in der Familie fehlt der Rückhalt. Und sie ist das perfekte Opfer für einen Mann namens Wolfgang Priklopil. Er greift sie auf, als sie gerade auf dem Weg zur Schule ist, entführt sie in seinem Lieferwagen und bringt sie in ein verstecktes, gut gesichertes Verlies in seinem Haus.

Natascha Kampusch ahnt noch nicht, dass sie die nächsten acht Jahre, genauer gesagt 3096 Tage, in der Gewalt dieses Mannes sein wird. Sie ahnt noch nicht, dass er sie gefangen halten und quälen wird, dass er jede Minute ihres Lebens bestimmen wird. Und sie ahnt noch nicht, dass sie irgendwann aus eigener Kraft aus dieser Hölle fliehen wird …

Martyrium sachlich geschildert

Gleich als Erstes eine kleine Warnung: Das, was Kampusch über ihre jahrelange Gefangenschaft berichtet, ist wirklich harter Tobak. Nicht alles wird bis ins kleinste Detail ausgeschlachtet, aber wenn ihr empfindsam auf die Beschreibung von Gewalt reagiert – noch dazu, weil sich alles tatsächlich so ereignet hat – solltet ihr euch überlegen, ob ihr das Buch lesen wollt.

Es ist wirklich ein Martyrium, durch das Kampusch erst als Kind, dann als Teenager und junge Frau gehen musste. In grober chronologischer Reihenfolge berichtet Kampusch über ihre Entführung, über ihre Empfindungen und die Demütigungen, die sie über sich ergehen lassen muss. Und zuletzt erzählt sie auch darüber, wie ihr die Flucht gelang und wie Polizei und Medien auf ihre Geschichte reagierten.

Ich musste aber feststellen, dass mich das Gelesene überraschend kalt gelassen hat. Nicht falsch verstehen: Es war verdammt schwer zu verdauen und erschütternd, was Kampusch in diesem Verlies erleiden musste. Ich habe größten Respekt vor dieser Frau, die durch die Hölle ging und sich dabei niemals selbst verloren hat und die sich nicht hat brechen lassen. Auch ihre eigenen psychologischen Beobachtungen, warum sie wie in einer Situation reagiert hat, waren sehr interessant.

Trotzdem habe ich nie richtig Zugang zu „3096 Tage“ gefunden. Der Stil ist sehr nüchtern und sachlich, vor allem zu Beginn, als Kampusch das Verhältnis zu ihrer Familie beschreibt. Hier und da hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht, an anderen Stellen weniger Wiederholungen. Zudem habe ich die häufigen Sprünge in der Geschichte als unglücklich empfunden. Und ihr Leben nach ihrer Rückkehr kam mir etwas zu kurz.

Willensstark, mutig, respekteinflößend

Bei aller Kritik: Ich ziehe den Hut vor Natascha Kampusch, vor ihrem unbändigen Willen und ihrem Mut. Ein solches Martyrium mit einem riesigen Publikum zu teilen, ist keine Selbstverständlichkeit. Und ich wünsche ihr für die Zukunft nur das Beste. Wer ihre Geschichte näher kennenlernen möchte, kommt um „3096 Tage“ nicht herum.

7/10 Schicksale

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: 3096 Tage
Autor: Natascha Kampusch
Verlag: Ullstein
ISBN: 9783548374260
Erscheinungsjahr: 2010
Seitenzahl: 284

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