Cover Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße. Foto: Eichborn
Phantastik

Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

Ich weiß gar nicht, warum ich Neil Gaimans Roman „Der Ozean am Ende der Straße“, der immerhin 2013 in England und ein Jahr später in Deutschland veröffentlicht wurde, bislang nicht gelesen hatte. Und jetzt habe ich diese Fan-Bildungslücke endlich schließen können. Die Inhaltsangabe fällt diesmal etwas knapper als sonst aus, weil jedes Wort zu viel zwar nicht zwingend spoilert, aber auf jeden Fall den Spaß am eigenen Entdecken schmälern würde.

Erinnerungen an früher

Ein Mann kehrt aufgrund einer Beerdigung im Familienkreis in seine Heimat Sussex zurück. Doch auf dem Weg zum Haus seiner Schwester beschließt er, eine kleine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Und so besucht er das Haus seiner Freundin Lettie aus Kindertagen. Lettie ist zwar nicht da, aber der Mann geht trotzdem zu dem kleinen Teich hinter dem Haus, den Lettie immer ihren „Ozean“ genannt hat.

Und dort, allein mit sich und seinen Gedanken, taucht der Mann in seine Erinnerungen ein. Denn als Junge von sieben Jahren erlebte er mit der vier Jahre älteren Lettie ein paar aufregende, unheimliche und spannende Abenteuer. Und erst jetzt wird ihm bewusst, wie viel davon er vergessen oder verdrängt hat. Und er erinnert sich, was es mit dem Ozean wirklich auf sich hat …

Ein ganz eigener Märchen-Stil

Was soll ich sagen, Neil Gaiman hat mich wieder mitten ins Herz getroffen. Und ich kann nicht einmal so genau erklären, wie er das immer wieder schafft. Die Handlung in „Der Ozean am Ende der Straße“ erinnert an ein Märchen. Hinzu kommen originelle, manchmal sogar etwas verschrobene Ideen, die Gaimans Handschrift tragen und hier und da an „Coraline“ oder „Niemalsland“ erinnern.

Und dann ist dieser Roman auch wieder etwas ganz anderes. Er ist auch ein melancholischer Blick zurück in die Kindheit, als einem vieles viel magischer und zauberhafter vorkam als im Erwachsenenalter. Es ist eine Sehnsucht nach dieser leichten, schwerelosen Zeit ohne Sorgen und Nöte. Und diesen leisen Ton trifft Gaiman genau.

Ab und an sind vereinzelte Schwarzweiß-Zeichnungen zu entdecken, die den märchenhaften Charakter noch mal unterstreichen. Es handelt sich dabei aber trotzdem definitiv nicht um ein Kinderbuch! Gaiman steckt auch hier wieder einen leisen, wohligen Grusel in die Geschichte, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf dem Phantastischen liegt. Und das Ganze verpackt er in seinem ganz eigenen Stil, der ein bisschen poetisch und auch ein bisschen märchenhaft ist, sich aber immer prima lesen lässt.

Auch die Charaktere sind wieder einmal absolut liebenswert. Man will sie kennenlernen und wissen, was mit ihnen passiert. Hier sind es sowohl der junge Ich-Erzähler als auch Lettie und ihre Familie, die ich begeistert begleitet habe. Weder braucht Gaiman ellenlange Beschreibungen ihrer Persönlichkeiten noch total ausgefallene Charakterzüge, um stimmige Figuren zu erschaffen.

Dass nicht alle Mysterien und Rätsel des Romans aufgeklärt werden oder tatsächlich zur Handlung beitragen, hat mich nicht gestört. Trotzdem hätte ich mir etwas mehr gewünscht – einfach um noch ein wenig länger Zeit mit dem Ich-Erzähler, Lettie und den anderen verbringen zu können. Um mehr von diesen Erinnerungen zu lesen, die in eine andere Welt entführen. Um mehr von dieser anderen Welt zu erfahren.

Ode an die Kindheit

Märchenhaft, melancholisch und eine Ode an die magische Kindheit: Neil Gaiman taucht in „Der Ozean am Ende der Straße“ mit seinen Lesern in eine wunderbare Geschichte ein, die einen auch nach dem Lesen nicht ganz loslässt. Sie regt ein bisschen zum Träumen und auch zum Nachdenken an. Mit einem Gaiman-Buch mache ich einfach nie was verkehrt.

8/10 Flöhe

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Der Ozean am Ende der Straße
Originaltitel: The Ocean at the End of the Lane
Autor: Neil Gaiman
Verlag: Eichborn
ISBN: 9783847905790
Erscheinungsjahr: 2014
Seitenzahl: 238

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