Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus. Cover: AvivA
Sachbuch

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus – Undercover in der Psychiatrie

„Zehn Tage im Irrenhaus“ klingt erst mal nach einem ziemlich reißerischen Titel. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Reportage der jungen Journalistin Nellie Bly Ende des 19. Jahrhunderts. Das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen, weil damals nur wenige Frauen bei Zeitungen arbeiteten und wenn, dann vor allem Themen wie Mode oder Kunst bearbeiteten. Nellie Bly war in vielerlei Hinsicht eine Vorreiterin. Entsprechend bekommt man mit „Zehn Tage im Irrenhaus“ mehr als nur eine antiquierte Zeitungsstory.

Missstände in der psychiatrischen Anstalt

New York im Jahr 1887. Nellie Bly ist eine junge, ehrgeizige Reporterin, die sich ihrem neuen Auftraggeber, der Zeitung New York World, beweisen will. Für eine große Story soll Bly sich in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell’s Island einschleichen – und zwar als Patientin. Dort soll sie undercover recherchieren, um nach ihrer Rückkehr über die Zustände dort berichten zu können. Wie sind die Patientinnen untergebracht, wie werden sie behandelt? Hautnah erlebt Nellie Bly die teils unmenschlichen Verhältnisse, unter denen die Frauen in der Psychiatrie leben müssen. Und kaum eine von ihnen hat die Chance, jemals wieder entlassen zu werden …

Dem eigentlichen Bericht, der im Oktober 1887 in zwei Teilen veröffentlicht wurde, folgen ein Nachwort des Herausgebers und eine Biografie zu Nellie Bly. Zudem gibt es eine kurze Abhandlung über Frauen im Journalismus im 19. Jahrhundert, Informationen zur Psychiatrie in dieser Zeit und zu Blackwell’s Island, einen Artikel über Nellie Blys Fall, eine Bibliografie und Anmerkungen in Fußnotenform.

Der Stoff, aus dem gute Bücher sind

Eine junge Frau, die sich ihrem neuen Arbeitgeber beweisen will und sich einen tollkühnen Plan überlegt, um undercover in eine Psychiatrie zu gelangen. Das ist der Stoff, aus dem gute Romane (oder Filme) sind! Und dass sich das alles tatsächlich so ereignet hat, ist umso spannender. Denn Blys Plan ging auf und sie verbrachte die titelgebenden zehn Tage in der psychiatrischen Anstalt. Dabei lernte sie die Insassinnen und ihre Geschichten sowie die Behandlungsmethoden kennen.

Ich war ziemlich neugierig, was Bly in der Anstalt erleben würde. Und im Großen und Ganzen wurde ich nicht enttäuscht. Klar, ich hätte mir mehr Informationen gewünscht, detailliertere Beschreibungen, eine intensivere Leseerfahrung. Der Stoff hätte es absolut hergegeben. Wie die Patientinnen von dem Pflegepersonal behandelt wurden, welchem Missbrauch sie ausgesetzt waren und wie wenig sie ihre Zeit dort gestalten konnten, hat mich entsetzt. Gleichzeitig hatte ich ständig das Gefühl, dass ich mir kein umfassendes Bild machen konnte.

Allerdings darf man nicht vergessen, dass es sich um einen Zeitungsartikel handelt, einen Erfahrungsbericht, der von einer mutigen, aber auch unerfahrenen jungen Frau stammt. Da bin ich einfach mit überzogenen Erwartungen an die Sache herangegangen.

Mein größter Kritikpunkt liegt in der Gestaltung: Statt die zahlreichen Fußnoten unten auf der Seite zu platzieren, stehen sie allesamt am Ende des Buches. Das hatte eine mühsame Suche bei jeder Fußnote im Text zur Folge; immerhin gab es teils wichtige Informationen zum besseren Verständnis. Das mag Geschmackssache sein, mich hat es aber leider ziemlich gestört.

Spannendes Stück Zeitgeschichte

Mit „Zehn Tage im Irrenhaus – Undercover in der Psychiatrie“ habe ich ein spannendes Stück Geschichte gelesen. Man erfährt nicht nur viel über die damaligen furchtbaren Verhältnisse, denen sich Frauen in einer psychiatrischen Anstalt beugen mussten, sondern auch einiges über eine Pionierin des investigativen Journalismus.

7/10 Undercover-Einsätze

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Zehn Tage im Irrenhaus – Undercover in der Psychiatrie
Originaltitel: Ten Days in a Mad-House
Autor: Nellie Bly
Verlag: AvivA
ISBN: 9783932338625
Erscheinungsjahr: 2011
Seitenzahl: 190

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