Cover Noah Gordon: Der Medicus. Foto: Heyne
Historisches

Noah Gordon: Der Medicus

Zu meiner Teenager-Zeit (und ich will nachher keine Kommentare zu meinem fortgeschrittenen Alter lesen!) habe ich sehr schnell meine Liebe zu den Genres Fantasy, Horror und Thriller entdeckt. Historische Romane waren so gar nicht mein Fall – der Geschichtsunterricht hat mir damals völlig gereicht. Und dann entdeckte ich im elterlichen Bücherregal „Der Medicus“ von Noah Gordon. Der Beginn einer großen Liebe …

Ein junger Heiler voller Wissensdurst

England zu Beginn des 11. Jahrhunderts. Der junge Rob Cole ist noch keine zehn Jahre alt, als seine Eltern sterben und er zur Waise wird. Mit etwas Glück landet er bei einem Bader, der ihn in die Heilkunst einführt. Rob ist bald schon fasziniert von dieser Arbeit und nimmt begierig alles in sich auf, was er lernen kann. Und er entdeckt eine besondere Fähigkeit an sich: Berührt er einen Menschen, spürt er, wenn diesen bald der Tod ereilt.

Es dauert nicht lange, und die Ausbildung bei dem grobschlächtigen Bader reicht ihm nicht mehr. Rob will mehr über die Heilkunst erfahren, er möchte neue Methoden und Möglichkeiten kennenlernen, wie man Menschen helfen kann. Für den jungen Burschen wird die Heilkunst sein ganzer Lebensinhalt.

Nachdem sein Ausbilder gestorben ist, lernt Rob den jüdischen Medicus Benjamin kennen. Von ihm erfährt er mehr vom fernen Orient, wo die besten Mediziner und Heiler lehren und arbeiten. Und in Rob wächst der brennende Wunsch, dort zu lernen – und diesem Ziel widmet er sein Leben, trotz aller Widrigkeiten, die ihn erwarten.

Einblick in die Geschichte der Medizin

Dass sich, wie Wikipedia verrät, einige historische Ungenauigkeiten in den Roman geschlichen haben, sei vergeben. Mich hat es beim Lesen nicht gestört, und hätte ich es nicht an anderer Stelle nachgelesen, wäre es mir überhaupt nicht aufgefallen. Ein bisschen fiktionale Freiheit ist vollkommen okay.

Für mich stößt Noah Gordon die Tür zum Mittelalter sperrangelweit auf. Die Art, wie er das Leben damals beschreibt, liest sich so authentisch und echt, dass man komplett in diese Zeit versinkt. Schmutz, Dreck, Gestank – das Mittelalter war kein Zuckerschlecken, und das wird schonungslos und detailreich gezeigt. Vor allem das Handwerk des Baders wird spannend geschildert: Hausmittelchen, Quacksalberei und bedenkliche Tinkturen werden ohne tieferes Wissen angewandt in dem Versuch, Menschen vor Krankheit und Tod zu bewahren. Für einen modernen Menschen sind viele Vorgehensweisen total unvorstellbar.

Später, wenn Rob in Isfahan, eine Stadt im heutigen Irak, ankommt und dort wahre Medizin kennenlernt, werden die damaligen Möglichkeiten der Heilung plastisch und spannend geschildert. Es ist bemerkenswert, wie viel Wissen über die Medizin im 11. Jahrhundert schon bekannt war. Mich hat es total fasziniert, mehr über die Geschichte der Medizin zu erfahren.

Und Rob ist der perfekte Protagonist, um diese Geschichte zu vermitteln. Seine Gabe, den nahen Tod eines Menschen zu spüren, wird nicht als (unpassendes) Fantasy-Element in den Mittelpunkt gestellt; vielmehr ist es ein Werkzeug, seine Hingabe und seine Leidenschaft für die Heilung noch stärker herauszuarbeiten. Rob Cole ist der geborene Medicus – und ich als Leserin habe sein Leben und seine Reisen begeistert mitverfolgt.

Auch stilistisch kann „Der Medicus“ von vorne bis hinten überzeugen. In einem leichten, sehr unterhaltsamen Stil beschreibt Gordon die Ereignisse, webt historische Fakten (mal mehr, mal weniger, wie wir schon wissen) ein und lässt das Mittelalter lebendig werden. In dem zweiten Band der Trilogie, „Der Schamane“, springt Gordon übrigens ein paar Jahrhunderte weiter.

Einer der besten historischen Romane aller Zeiten

Für mich war, ist und bleibt „Der Medicus“ von Noah Gordon einer der besten historischen Romane, die ich je gelesen habe. Ein bisschen auch, weil es mein erster Erwachsenenroman in diesem Genre war. Aber vor allem, weil Gordon seine Leser auf eine spannende, atmosphärisch dichte und authentische Zeitreise mitnimmt. Und auch heute noch hat dieser Roman eine ganz starke Wirkung auf mich. Das können nicht viele Bücher von sich behaupten.

10/10 Heiler

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Der Medicus
Reihe: Die Medicus-Trilogie – Band 1
Originaltitel: The Physician
Autor: Noah Gordon
Verlag: Heyne
ISBN: 9783453471092
Erscheinungsjahr: 1987
Seitenzahl: 864

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