Cover Nora Bendzko: Wolfssucht. Foto: Emanuel Santer
Fantasy,  Horror

Nora Bendzko: Wolfssucht

Nora Bendzko ist eine sehr sympathische Autorin, die auf Twitter recht aktiv ist. Da aktuell ihr Roman „Die Götter müssen sterben“ auf den sozialen Medien ziemlich gehypt wird, wollte ich gerne mal etwas von ihr lesen. Meine Wahl fiel nicht auf das aktuelle Buch, sondern auf ihre erste Veröffentlichung im Selfpublishing: „Wolfssucht“. Dafür wurde sie mit dem Deutschen Phantastikpreis nominiert.

Irina und die Großmutter

Irina und ihre Familie müssen vor der Brutalität des 30-Jährigen Krieges aus ihrem Heimatdorf fliehen. Die Eltern und ihre beiden Töchter wollen Zuflucht im Dorf ihrer Großmutter finden. Doch der Krieg kennt kein Erbarmen und raubt den Mädchen die Eltern. Wenigstens sind die Schwestern bei ihrer Großmutter in Sicherheit. Damit ist Irinas Martyrium allerdings noch nicht zu Ende.

Denn als sie mit ihrer Schwester Leonore im Wald unterwegs ist, greift ein Raubtier die beiden an und tötet Leonore. War das ein Wolf? Oder ein Mensch? Irina vermag es nicht zu sagen. Nur dem Glück ist es zu verdanken, dass sie diese Begegnung überlebt, denn der junge Jägersmann Skander ist zur rechten Zeit zur Stelle und rettet Irina.

Doch von nun an wird Irina im Dorf ihrer Großmutter von den anderen Einwohnern geschnitten. Sie bleibt eine Außenseiterin, denn die Leute halten sie aufgrund ihres Schicksals für verflucht. Allein Skander hält zu ihr, verspricht sich davon jedoch auch etwas: Er will sie nämlich zur Frau nehmen. Als Irina in den Wald flieht, begegnet sie der Bestie erneut. Doch diesmal ist alles anders …

Es hätte gern mehr sein dürfen

Die ersten zwanzig Seiten fangen brutal stark an: eine Familie, erschöpft und zu Tode verängstigt, flieht vor dem Krieg. Hier ist man ganz nah dran an den Charakteren, kann die Verzweiflung förmlich spüren. Danach ebbt die Spannung zunehmend ab. Gleichzeitig ist Bendzkos Stil klasse; selbst wenn gar nichts passiert, liest sich die Novelle prima. Insgesamt hätte ich mir aber noch etwas mehr Story gewünscht (und dann vielleicht noch ein paar Seiten mehr, um manche Dinge ausführlicher darzustellen).

Irina ist im Großen und Ganzen eine recht starke Protagonistin – nur hin und wieder wirken ihre Handlungen und Reaktionen auf ihre Umwelt arg unreif. Dabei musste sie durch den Verlust ihrer Familie rasch erwachsen werden. Das hat für mich nicht so gut funktioniert. Und auch die anderen Charaktere waren in Ordnung, blieben aber letztlich doch etwas blass, was eben vor allem auf die wenigen Seiten und die damit fehlende Tiefe zurückzuführen ist.

Was mir besonders gut gefallen hat, war die Vermischung verschiedener Märchen und Legenden, allen voran Rotkäppchen. So trägt Irina einen roten Mantel, lebt bei der Großmutter, begegnet dem Wolf und so weiter. Mehr will ich nicht verraten, um nicht zu spoilern, aber mindestens einen weiteren Mythos habe ich entdeckt. Und auch das Spiel mit den Genres ist gelungen: Etwas Dark Fantasy, eine Portion Grusel und dazu ein wenig Erotik haben eine stimmige Mischung ergeben.

Überzeugender Stil

Ein bekanntes Märchen erfrischend neu interpretiert, aber etwas zu wenig Substanz – das ist mein Fazit. Aber auch wenn ich einige Kritikpunkte an „Wolfssucht“ habe, konnte mich der Stil der Autorin absolut überzeugen. Da ist viel Potenzial vorhanden. Deshalb bin ich gespannt darauf, „Die Götter müssen sterben“ demnächst zu lesen.

6/10 Wölfe

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Wolfssucht
Reihe: Ein Galgenmärchen – Band 1
Autor: Nora Bendzko
Verlag: Selfpublishing
ISBN: 9783741895784
Erscheinungsjahr: 2017
Seitenzahl: 126

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