Cover Stephen King: Das Mädchen. Foto: Ullstein
Horror

Stephen King: Das Mädchen

Normalerweise leben Stephen Kings Romane von ihrem großartigem authentischem Charakterensemble und den lebensnahen Dialogen. Aber was, wenn man seine Figuren und die Dialoge weglässt? Bei „Das Mädchen“ ist genau das der Fall. Mal sehen, was King aus diesem Stoff macht.

Allein im Wald

„Die Welt hatte Zähne, und sie konnte damit zubeißen, wann immer sie wollte. Das entdeckte Trisha McFarland, als sie neun Jahre alt war.“ So fängt Stephen Kings Geschichte an. Trisha ist wie jeden Samstag mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zu einem Ausflug unterwegs. Sie wollen zusammen eine Wanderung in den Wäldern unternehmen.

Doch während des Ausflugs zanken sich ihre Mutter und ihr Bruder. Trisha hält es irgendwann nicht mehr aus und verlässt den Wanderweg. Sie will sich zwischen den Bäumen erleichtern und dann querfeldein marschieren, um ihre Familie wieder einzuholen. Bis dahin werden die beiden hoffentlich auch aufgehört haben, sich zu streiten.

Allerdings scheint Trisha die Richtung falsch eingeschätzt zu haben, denn schon bald merkt sie, dass sie sich verlaufen hat. Sie findet weder den Wanderweg noch irgendeine Stelle, die sie wiedererkennt. Und langsam baut sich Panik in der Neunjährigen auf.

Während sie weiter nach einem Ausweg aus ihrer misslichen Lage sucht, geht sie unbemerkt immer tiefer in den Wald hinein. Erinnerungen an ihren Vater, der nicht mehr bei ihnen wohnt, Zwiegespräche mit ihrer Freundin Pepsi und ein Baseballspiel, das sie im Radio ihres Walkmans hört, sind ihre einzigen Wegbegleiter. Und dann bricht langsam die Nacht herein …

Wer ist eigentlich Tom Gordon?

Heidewitzka, Herr Kapitän! Es ist schon erstaunlich, aus wie wenig Story Stephen King so viel herausholen kann. Seien wir doch mal ehrlich: Es geht um ein kleines Mädchen, das sich im Wald verirrt. Die Menge an Personal ist in „Das Mädchen“ mehr als überschaubar, auch das Setting reduziert sich quasi komplett auf den Wald. Und was der Meister daraus macht, ist bemerkenswert.

Das fängt direkt bei der Protagonistin an. Trisha ist ein neunjähriges, aufgewecktes Mädchen, das begeisterter Baseball-Fan ist. Deshalb auch der Originaltitel „The Girl Who Loved Tom Gordon“ – Gordon ist ein realer Baseballspieler. King widmet sich sehr ausführlich Trishas Gefühlswelt, angefangen von ihrer Panik, als sie erkennt, dass sie sich verlaufen hat, bis hin zu ihrem Versuch, der Situation die Stirn zu bieten.

Dabei lebt das Buch weniger von der Spannung, sondern vielmehr von der Empathie. Man leidet regelrecht mit, wenn Trisha ihre erste einsame Nacht im Wald verbringen muss, wenn sie Hunger und Durst leidet und immer wieder Verzweiflung und Resignation niederringen muss. King spielt einmal mehr mit den Urängsten des Menschen.

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass nicht jedem „Das Mädchen“ gefallen wird. Es ist nun mal gewöhnungsbedürftig, dass man der gesamten Geschichte nur einer Figur folgt, nur ihre Gedanken, Sorgen und Ängste kennenlernt, nur auf eine Person fokussiert ist. Wer sich aber darauf einlässt, wird das tolle Porträt eines jungen Mädchens serviert bekommen, das angesichts dieser bedrohlichen Situation immer wieder über sich hinauswachsen muss, um zu überleben.

Das Ende war mir persönlich ein bisschen zu kurz und überraschend simpel. Aber wie wir wissen, ist ja bekanntlich oft genug der Weg das Ziel.

Top oder Flop?

Selbst Fans von Stephen King könnten von „Das Mädchen“ enttäuscht werden. Horror, Blut und durchgängige Spannung sind hier eher die Ausnahme. Die große Stärke des Romans sind Trishas Odyssee durch die Wildnis, ihre Gedankengänge und inneren Monologe. Das mag nicht jedermanns Fall sein. Ich jedenfalls bin gern diesen Weg mit Trisha gegangen und war tatsächlich ein bisschen traurig, als ich mich von dieser jungen Heldin verabschieden musste.

7/10 Baseballspieler

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Das Mädchen
Originaltitel: The Girl Who Loved Tom Gordon
Autor: Stephen King
Verlag: Ullstein
ISBN: 9783548255743
Erscheinungsjahr: 2000
Seitenzahl: 299

Die Erstausgabe erschien beim Schneekluth Verlag. Das Cover bezieht sich auf die Ausgabe des Ullstein Verlags. Mittlerweile wird der Roman vom Heyne Verlag veröffentlicht.

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