Cover Stewart O'Nan: Alle alle lieben dich. Foto: Rowohlt
Drama

Stewart O’Nan: Alle, alle lieben dich

Stewart O’Nan wurde für seinen Roman „Engel im Schnee“ mit dem William-Faulkner-Preis bedacht. Seine Arbeit zeichnet sich durch sehr authentische Charaktere und präzise Beobachtungen des zwischenmenschlichen Miteinanders aus. In seinem Roman „Alle, alle lieben dich“ setzt er sich mit einem der wohl schlimmsten Themen für Eltern auseinander: dem Verschwinden des eigenen Kindes.

Eine junge Frau verschwindet spurlos

Es ist Kim Larsens letzter Sommer in Kingsville, ihrer Heimatstadt. Im Herbst wird die junge, hübsche Frau ihr Studium in einer anderen Stadt beginnen und ihr Zuhause und ihre Familie zurücklassen. Bis es so weit ist, will sie die verbleibende Zeit voll nutzen. Sie unternimmt Ausflüge mit ihrem Freund J.P. und mit ihren Freundinnen Nina und Elise, bringt ihrer jüngeren Schwester Lindsay das Autofahren bei, arbeitet nebenher an einer Tankstelle, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Und dann verschwindet Kim. Nachdem sie mit Freunden zum Schwimmen war, kommt sie nie bei der Tankstelle an, wo sie die Spätschicht hätte. Ihre Eltern Ed und Fran alarmieren die Polizei, als sie bemerken, dass Kim nicht nach Hause gekommen ist. Sie rufen bei Freunden und Bekannten an, doch niemand weiß, wo die junge Frau steckt oder was passiert ist.

Für die Familie Larson beginnt ein nicht enden wollender Albtraum aus selbst organisierten Suchtrupps, Fernsehinterviews, Hoffnungen und Rückschlägen.

Wie geht eine Familie mit diesem Schicksalsschlag um?

In vielen negativen Rezensionen habe ich gelesen, dass die Leser „Alle, alle lieben dich“ als langweilig und zäh empfunden haben. Dem kann ich mich zwar nicht anschließen, aber ein paar Dinge sollten hier schon erwähnt werden, bevor jemand von euch mit dem Gedanken spielt, sich das Buch zuzulegen.

Zunächst einmal legt O’Nan einen Schwerpunkt auf die Charaktere und ihre Entwicklung. Schließlich geht es um ein sehr emotionales und tragisches Thema, daher dreht sich alles um die Figuren. Vor allem die Familienmitglieder und ihr Miteinander werden genau beleuchtet, nicht nur kurz nach Kims Verschwinden, sondern auch längere Zeit danach. Darüber hinaus wird die gesamte Kleinstadt porträtiert, die Menschen, die mit der Tragödie nicht direkt zu tun haben und trotzdem in irgendeiner Weise davon berührt werden.

Hier liegt auch die Stärke des Romans. Es geht weniger darum, Kims Verschwinden aufzulösen als vielmehr darum, was dieses Verschwinden mit den Menschen macht, die zurückbleiben, wie diese sich verändern, was sie durchstehen müssen. Denn die alltäglichen kleinen Probleme verschwinden nicht, werden aber dennoch ganz anders wahrgenommen als zuvor. Und auch wenn der deutsche Titel nach Kitsch schreit, wird das Thema gefühlvoll, aber nicht reißerisch verarbeitet.

Nachdem Kim verschwunden ist, setzt ihre Familie natürlich alles daran, sie zu finden. Aber hier darf man keine atemlose Spannung und kein Detektivspiel erwarten. Alles, was die Polizeiarbeit ergibt, erfährt man eher beiläufig über die anderen Familienmitglieder. Die Kapitel sind abwechselnd aus deren Blickwinkeln geschrieben.

Deswegen ist der Ausdruck „hochliterarischer Thriller“, mit dem der Verlag für den Roman geworben hat, mehr als unglücklich (mal ganz abgesehen von dem rührseligen deutschen Titel). Es geht nicht darum, den Entführer zu schnappen, und es geht nicht darum, dem Leser am Ende eine überraschende Auflösung zu präsentieren. Das mag für viele Leser unbefriedigend gewesen sein, die sich einen Thriller erhofft hatten.

Authentisch und gefühlvoll

„Alle, alle lieben dich“ ist ein eindringliches Drama, das einen authentischen und gefühlvollen Blick auf eine Familie im Ausnahmezustand gewährt. Wer Thriller-Elemente erwartet, ist hier fehl am Platz. Wer sich aber an den Roman wagt, wird mit glaubwürdigen Charakteren, einem ansprechenden Schreibstil und einem packenden Thema belohnt.

8/10 Tragödien

Die nackten Fakten

Deutscher Titel: Alle, alle lieben dich
Originaltitel: Songs for the Missing
Autor: Stewart O’Nen
Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783498050382
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenzahl: 416

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